Montag, 10. Oktober 2016

Glück auf seinen Schultern tragen

Hallo ihr Lieben,
Ich melde mich zurück aus dem (für mich) schönsten Land der Welt und habe immer noch keine Fotos von meiner unmittelbaren Umgebung im Angebot. Dafür hatte ich gestern aber die Chance ein besonderes Event in einer kleinen Stadt namens Yamaguchi (Städte mit diesem Namen gibt es in Japan mehrere) in der Nähe von Kobe. Das Festival nennt sich 秋祭り was schlicht "Herbst-Festival" bedeutet und ein shintoistisches Fest ist. Dabei ziehen, schieben oder tragen die Männer aus der Stadt Festwagen, die verschiedene Gottheiten repräsentieren. Soweit habe ich das noch verstanden. Da die Erklärung aber durchgehend auf Japanisch erfolgte, habe ich zugegeben irgendwann abgeschaltet und mich aufs Fotografieren konzentriert. Multitasking in fremden Sprachen benötigt dann doch etwas mehr Konzentration.
Yamaguchi ist eine wirklich schöne kleine Stadt, bzw. schon eher Dorf, wenn man Kobe oder gar Osaka in der Nähe betrachtet. Die Straßen sind ruhig und Bürgersteige sucht man vergeblich. Trotzdem ist das 秋祭り(Aki-Matsuri) hier das Größte in Kansai dieser Art. 
Der Ablauf an sich ist schon ein Erlebnis: Die Prozession, die ihr als erstes sehen könnt startet am Schrein und kehrt auch wieder zurück, die anderen Wagen beginnen in ihren jeweiligen Stadtteilen (zumindest lies das die Karte vermuten) und treffen nach und nach am Schrein ein. Dabei wird das letzte Stück die Schreineinfahrt hoch gerannt. Die Wagen sind aus massivem Holz, jeweils mit Kindern und erwachsenen Männern an Bord und ich möchte mir wirklich nicht ausmalen, was die Dinger wiegen.
Deswegen ist es auch ungeheuer wichtig, vor der Einfahrt in den Schrein genau abzuwägen, ob man den richtigen Winkel trifft. Die Justierung kann je nach Wagengröße rund 10 bis 15 Minuten dauern. Wie wichtig die richtige Ausrichtung ist, mussten wir dann leider erfahren, als einer der Träger mit seinem Fuß unter den Wagen geriet, als er nach links abdriftete. Kinder, ich hab das Bild immer noch vor Augen, da der Herr genau vor unseren Füßen zu Boden ging und ich direkten Einblick die Verletzung am Fuß hatte. Ich habe den Moment leider auch auf Kamera eingefangen, auf dem man die Verletzung zwar nicht sieht, aber den Moment in dem er stolpert. Wie ihr euch sicher denken könnt, werde ich dieses Video niemals auch nur irgendwo veröffentlichen und ich habe nach dem Unfall auch bis zum Ende des Einzugs keine weiteren Fotos mehr gemacht.
Unsere Freundin, die in Yamaguchi lebt und uns mitgenommen hat, hat uns schon mitgeteilt, dass es dem Mann gut geht und er wohl keine bleibende Schäden davon tragen wird. Außerdem war dies wohl der erste Unfall dieser Art in den letzten Jahrzehnten.
Der Schock war auch den Beiwohnenden deutlich anzumerken und so wurde bei jeder weiteren Gruppe, die Anlauf auf den Schrein nahm kollektiv der Atem angehalten.
Ich fühle mich durchaus etwas komisch, darüber zu berichten, den Vorlauf zu verschweigen schien mir aber auch falsch, da eben nicht immer alles glatt läuft. Ich wünsche dem verletzten Herrn alles Gute und eine schnelle Genesung, sowie viel Kraft für die Angehörigen.

Als alle Wagen eingefahren und die letzte Ansprache gehalten wurde, habe ich noch einmal den Moment genutzt um den Platz vor dem Schrein etwas genauer zu fotografieren. Da sich dort nach wie vor viele Menschen tummelten, habe ich zugegeben mehr Hinterköpfe fotografiert als alles andere. Mit meinen nicht-ganz-1,70m blende ich dann doch ganz gut in die Masse ein. Als (mit Olivia) einzige Nicht-Japaner ein ganz angenehmes Gefühl gebe ich zu, da gerade in kleineren Städten schon immer wieder verwirrt geguckt wird, wenn Ausländer durchs Bild stapfen.

Alles in Allem war es wirklich eine beeindruckende Erfahrung. Man konnte den Menschen wirklich ansehen, wie viel Herzblut man in dieses Festival gesteckt hat und ich empfinde großen Respekt, dass man trotz des Unfalls am zweiten Wagen, die Veranstaltung bis zum Ende durchgezogen hat. In kann jedem Japanreisenden empfehlen, sich ein derartiges Event, sei es nun in Kansai oder Kanto oder sonst wo, anzusehen.
Ich hoffe ihr genießt die Fotos ein bisschen,
Bis demnächst!

Kommentare:

  1. Sehr beeindruckend.....tolle Fotos hast du gemacht, danke das du uns einen Einblick gibst. Schön, das es dem Mann wieder gut geht....
    Liebste Grüße
    Marina

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    1. Es kam sogar in den lokalen Nachrichten... Anscheinend hatte der Mann wohl zu viel getrunken, aber er ist wieder ansprechbar und der Fuß wird wohl verheilen.

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  2. Tolle Bilder Anna :)! Danke, dass du uns daran teil haben lässt <3

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  3. Ich bin ja immer wieder überrascht, wie die Städte und Dörfer in den Animes aussehen wie in Echt :3 Man könnte gerade meinen, dass du in einem Ghibli-Film gelandet bist. Die Fotos sind toll geworden und es ist ein schönes Eindruck. Schade natürlich, dass es zu diesem Unfall kam und für den Mann ist es wirklich doof gelaufen, aber er hatte vermutlich Glück im Unglück und Gottseidank ist nichts schlimmeres passiert.

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    1. Haha ja oder? Sie klingen auch so! :D Ich hab mich so über das Zikardengeräusch gefreut. :D

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  4. Ein sehr interessanter Beitrag, ebenso wie die Kultur. Ich danke dir vielmals für den Einblick, Dank deiner Bilder. Sehr hübsch! (:

    Du hast jetzt eine neue Followerin. <3
    Ganz liebe Grüße an dich.
    Natalia von www.meintagebuchundich.de

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    1. Willkommen im Chaos! :D
      Vielen Dank, freut mich dass es dir gefällt! c:

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