Dienstag, 27. Dezember 2016

Half a Teatime

Guten Abend meine Lieben,
Ein Weilchen habe ich diesen Post rausgezögert, da mir schon klar war, dass das viel Text werden wird. Heute geht es um die klassische Teezeremonie bzw. um deren Grundlagen, die ich momentan nach und nach lerne. Gleich vorweg: Ich erhebe absolut kein Anspruch auf Vollständigkeit, genau so wird das hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, da diese definitiv mehr als nur einen Rahmen sprengen würde. Ferner bin ich momentan dabei die grundlegendste und simpelste Form der Zubereitung zu lernen und der Ablauf variiert, je nach benutzen Utensilien, Gastanzahl und Anlass. Ich möchte euch also jeglich einen kleinen Einblick in das Gelernte darlegen.
Als nächstes ein kurzes Wort zu den Fotos: ich habe sie während der normalen Unterrichtseinheit aufgenommen, darauf bedacht den Ablauf so wenig wie möglich zu stören. Außerdem darauf achtend, keine Gesichter mit zu fotografieren. Von daher wirken die Bilder vielleicht etwas abgehackt oder aus einer leicht schrägen Perspektive. Ich hoffe dennoch, dass euch die Fotos etwas helfen euch in die Situation im Tatamizimmer (aka ein Zimmer, welches mit Tatamimatten ausgelegt ist) zu verdeutlichen.
Wir arbeiten stets mit zwei Kochern, damit zwei Schüler gleichzeitig üben können. Dabei sind wir tatsächlich eine ganz gemischte Gruppe und auch Gaststudenten, also bereits pensionierte Herrschaften nehmen teil. Die Blumen, die kleine Vase und das Wandbild werden jedes Mal neu drapiert und entsprechen meines Wissens nach in der Regel den Jahreszeiten. Die verwendeten Kessel werden auf den kleinen Herden erhitzt und mit Wasser gefüllt. Dabei wird das entnommene Wasser nach jeder Zeremonie wieder aufgefüllt. Ich arbeite bis jetzt aber jeglich mit Wasser aus einer Kanne, da auch der Umgang mit dem Schöpflöffel gelernt sein will.
Doch bevor wir ins Detail gehen, hier ein paar Grundlegende Regeln für den Ablauf und das Verhalten im Unterricht:
Beim Eintreten wird zunächst einmal der Lehrer (oder in unserem Fall die Lehrerin) mit einer traditionellen Verbeugung und bereitgelegten, geschlossenen Fächer begrüßt. Dazu kniet man auf den Boden, legt die Fingerspitzen vor sich auf die Tatamimatte und neigt die Stirn zu den Fingern. In der Regel von japanischen Begrüßungsfloskeln begleitet. Dabei ist zu beachten, dass im Tatamiraum stets weiße Socken zu tragen sind. Außerdem sind ernste Gespräche über z.B. Finanzen oder Politik während der Unterrichtszeit untersagt. Bei der Teezeremonie geht es immerhin um das Vergnügen.
Wie auch beim Eintreten der Schüler wird sich bei der Verabschiedung des Lehrers/der Lehrerin verbeugt. Dabei sitzt die Schülerschaft zusammen und bleibt in der Verbeugung, bis die Lehrerin den Raum, inklusive Vorkammer verlassen hat. Wer allerdings glaubt, er müsse mit dem Kopf auf der Matte kleben bleiben: Keine Sorge, in der Regel reicht es das Haupt gesenkt zu lassen.
Soweit zu den grundlegenden Regeln. Fahren wir fort mit ein paar Utensilien, die ich z.B. in der einfachsten Stufe der Zeremonie verwende.
Auf dem ersten Bild erkennt ihr ein kleines Täschchen, welches jeder Teilnehmer stets mit sich zu führen hat. Darin befindet sich ein Tuch, das für die Reinigung der Teeutensilien vor Ort verwendet wird. Außerdem der bereits angesprochene Fächer, der bei Begrüßung und Verabschiedung der Lehrerin vor sich, bei Teilnahme als Gast hinter sich abgelegt wird. Als Zubereitender hat dieser aber keine Funktion (vielleicht früher um das Feuer zu entfachen...?). Zusätzlich bekommt man als Gastgeber noch ein Stoffband umgebunden, der quasi den Obi des Kimonos ersetzt, der in der Zeremonie ursprünglich getragen wird. Serviert man allerdings nicht, sollte man das Band auch auf keinen Fall tragen.
Auf dem Bild darunter seht ihr den Aufbau, wie ich ihn bisher verwendete. Nach einer üblichen Verbeugung zum Gast hin, die dieser erwidert, wird erst das Tablett, dann das kleine Wasserbehältnis links unten im Bild herein getragen. Die dargebotenen Süßigkeiten, sowie die Kanne mit Wasser sollten zu dem Zeitpunkt bereits vorbereitet sein. Die Schale oder das Tablett mit den Süßigkeiten stehen dabei bereits vor dem Gast, der stets rechts oder gegenüber des Gastgebers platz nimmt. Auch hier gibt es je nach Rang und Zubereitung Variationen in den Sitzweisen, auf die ich aus Zeitmangel nicht weiter eingehen werde.
Im dritten Bild seht ihr den Aufbau des Tabletts nach der Reinigung mit dem oben gezeigten Tuch, bereit um den Tee aufzubrühen. Ich werde wie gesagt nicht auf alle Schritte, die bis dahin geführt haben eingehen. Aber es sei so viel gesagt: Jede Handbewegung hat einen genauen Ermessensrahmen und muss demnach präzise und in entsprechender Reihenfolge ausgeführt werden. Genau so verhält es sich mit den Gesprächen, die bis dahin gehalten werden. Im folgenden möchte ich euch eine kleine Übersicht der Namen der Utensilien, sowie den groben Ablauf der Gespräche erläutern:

Tuch zum Reinigen Fukusa お帛紗
Teelöffel Tchaschaku お茶杓
Teedose Natsume お棗
Teebesen Tchasen お茶筅
Teeschale Tchawan お茶碗
Fächer Sensu お扇子

Wird der Teelöffel von der Teeschale genommen, bitte der Gastgeber den Gast seine Süßigkeit zu essen. Dafür legt dieser eine Süßigkeit auf ein eigen mitgebrachtes Papier, reinigt das Nimmbesteck mit einer Ecke dieses Papiers und reicht die Schale mit den Süßigkeiten weiter an den linken Nachbarn. Ist der Tee fertig zubereitet, begibt sich der Gast auf den Knien rutschend soweit zur Teeschale, dass er sie mit der rechten Hand greifen kann und bringt sie Stück für Stück zurück, bis sie vor ihm steht. Nun bedankt man sich beim Gastgeber für den Tee, dreht die Schale mit drei Handgriffen um 270° und trink den Tee. Danach wird die Teeschale betrachtet und deren Verarbeitung wertgeschätzt. Falls mehr als nur Gast anwesend ist, wird der Tee nicht komplett getrunken, sodass er erneut weiter gegeben werden kann. Ist der Tee getrunken, wird erneut zum Zubereiter zurück gerobbt und die Teeschale wieder um 180° gedreht. Ist der Gast am eigenen Platz angekommen, bittet er den Gastgeber mit der Reinigung zu beginnen. Nach dessen Erwiderung, eben dieses zu tun werden die Utensilien zurück in ihre Ausgangsposition (Bild 2) gebracht. Die Gäste dürfen sich natürlich untereinander unterhalten.
In meinem Fall kommt es dazu nicht, aber bei den komplizierteren Abläufen wird nun auch noch nach Hersteller, Muster und Verarbeitung der Utensilien gefragt. Bis ich dazu komme, muss ich wohl noch einen ganzen Batzen Vokabeln lernen, da die Gespräche obendrein in der höchsten Höflichkeitssprache gehalten werden. Damit haben idR sogar Japaner im Alltag ihre lieben Probleme, also fragt gar nicht, wie das bei mir klingt.
So, habe ich noch etwas vergessen? Bestimmt, denn diese Zeremonien sind wirklich unglaublich detailreich und gleichen eher Ritualen als einem Nachmittagsteechen. Zugegeben, macht das aber ihren Spaß aus: Man muss sich zwar sehr konzentrieren, gleichzeitig ist es auch eine sehr beruhigende Tätigkeit.
Zum Ausgleich arbeite ich zweimal die Woche in einer Bar, da schenke ich dann etwas schneller Getränke aus. ;)
Wenn ihr noch Fragen zum Ablauf oder ähnliches habt: Immer her damit, ich würde mich sehr freuen!

Ansonsten mein übliches Japan-Resümee: Man warnte uns, dass nach 3 bis 4 Monaten das Heimweh eintritt. Ich bin über diesen Punkt zeitlich schon etwas heraus und fühle mich so wohl wie nie. Ich kann mir momentan gar nicht vorstellen wieder zurück nach Deutschland zu müssen, nicht nur weil das Unipensum dort ungefähr das dreifache umfasst. Die Menschen, die Uni, die Arbeit, das Leben... Es macht mir unglaublich viel Spaß und ich bin so froh, dass ich diese Chance erhalten habe. Ich hoffe auch im nächsten Jahr das Beste daraus machen zu können.
In diesem Sinne wünsche ich auch euch noch ein paar entspannte Resttage in diesem Jahr bevor es mit Vollgas mit 2017 weitergeht!
Ich hoffe ihr hattet ein bisschen Spaß an diesem Post und bleibt mir auch im nächsten Jahr als Leser und Freunde erhalten. Ich werde die letzten Tage des Jahres in Tokyo verbringen und mich dann wohl im nächsten Jahr wieder bei euch melden,
Bis demnächst!

Kommentare:

  1. Ich finde das ganze wahnsinnig interessant! Vielen Dank für den Bericht.

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  2. Mein erster Gedanke: Oh Gott! Meine Knie!
    Zweiter Gedanke: Ich Trottel würde bestimmt etwas verschütten und im Boden versinken ^^

    Total spannend, danke für den Einblick =)

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    1. Glaub mir, die Knie sind kein Problem. Die Füße sind die Hölle, weil das ganze Gewicht drauf hockt... :D Autschi.

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  3. vielen Dank für den spannenden Einblick....Ich wünsche dir einen tollen Jahreswechsel...

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    1. Vielen lieben Dank! Frohes Neues, ich hoffe du bist gut reingekommen. c:

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  4. Ich freue mich sehr, dass es dir so gut geht und du dich so glücklich fühlst. Danke für den tollen Bericht :)!

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  5. Das klingt sooo ultra kompliziert! Und nach "Ein Fehler und Du und Deine Familie brauchen sich nie wieder in der Stadt blicken lassen" XD Aber dafür lernt man das ja richtig ^^. Irgendwie total faszinierend, dass sich das tatsächlich so lange gehalten hat.

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    1. Ganz so schlimm ist es zum Glück nicht. :D Ansonsten wäre ich schon des Landes verwiesen. :D :D

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  6. Freu mich total, dass du dich dort wirklich so wohl fühlst =) für mich wäre fremdes Land etc. so absolut gar nichts :D wobei ich es schon spannend finde.

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    1. Ich würde auch immer erst einmal hinreisen, bevor man sich entscheidet dorthin zu ziehen. :D Man weiß ja nie...

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